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Spinnen

An meiner Badezimmerdecke wohnen zwei Spinnen. Eine ist hellbraun, die andere schwarz. Sie heißen Ute und Thomas, lange war ich unschlüssig, wer wer ist. Ich glaube, die braune ist Thomas. Jeden morgen begrüße ich die beiden und wundere mich, daß sie sich am gleichen Platz wie tags zuvor befinden. Vielleicht sind sie tot? Aber kaum daß ich mir die Frage gestellt habe, fängt eine von beiden an, rumzuspinnen. Ein Spinnennetz kann ich nicht erkennen, aber das mag an dessen Feingesponnenheit liegen. Ute und Thomas fummeln jedenfalls stets kurz nach meiner Begrüßung emsig herum.

Nie habe ich ein Beutetier in ihren unsichtbaren Netzen zappeln sehen und ich frage mich, ob sie bei mir im Badezimmer wohl genug zu essen bekommen. Ganz zu Anfang, kurz nachdem ich sie entdeckt hatte, mutmaßte ich, daß der braune Thomas vielleicht nur die leblose Hülle der schwarzen Ute ist, die sich gehäutet hat, oder was auch immer solche Kerbtiere im Verlaufe ihrer Exisitenz mit ihrem Chitinpanzer anstellen. Kaum daß diese Mutmaßung in mir Raum gegriffen- und mich mit Grausen angefüllt hatte wie wohl einst Ute ihre Hülle Thomas, begann Thomas seine Spinnenbeine zu bewegen und meine Hypothese brüchig werden zu lassen.

Ich bin nach wie vor nicht restlos davon überzeugt, daß Thomas ein eigenständiges Lebewesen ist. Manchmal kommt es mir vor, als sei er eine Phantasie von Ute, die das Subatomare so zu manipulieren versteht, daß aus Utes Träumen die gespenstische Emanation Thomas wird. Sie hängt ja auch an einem augenscheinlich nichtexistenten Faden und ernährt sich von Nichts, jedenfalls nicht von Beutetieren, bei mir herrscht schließlich peinliche Sauberkeit.
Mlle Händel - 28. Sep, 12:42

Vor meinem Fenster wohnte im letzten Spätsommer die Spinne Gerda Hasselfeldt, die diesen schönen Namen kurz vor der Bundestagswahl erhielt und mir half, meine ausgeprägte Spinnenphobie ein wenig zu bekämpfen. Jeden Morgen sagte ich, am Fenster stehend, laut: "Guten Morgen Gerda!", und nach einer Woche traute ich mich, Krümel und Blumenerde in ihr Netz zu werfen und zwang mich dann, ihr bei ihren Bewegungen zuzusehen, ohne in Ohnmacht zu fallen.
Es hat ein bisschen geholfen, aber im Oktober war Gerda dann leider weg.
Thomas ist eigenständig. Ganz sicher.

pjaer - 28. Sep, 13:07

Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Kürzlich blitzte beim Duschen ein thomasgroßer und thomasfarbiger Batzen im Duschwasser auf, bevor er im Abfluß verschwand. Ich werde ihn wohl beim Versuch, es sich in meinem wundervoll vollen Haupthaar bequem zu machen, weggeduscht haben - dachte ich.

Raten Sie mal, wer mich anderntags an genau der gewohnten Stelle wieder sphingenhaft undurchdringlich ansah? Richtig: Thomas. Was war dann der Batzen, den ich im Abfluß verschwinden sah? Ein Vogelexkrement, das sich unbemerkt in meiner aufwendig gestalteten Frisur verborgen hatte, bis es der kalte Schauer meines morgendlichen Duschbades aufstörte und verjagte? Schorf? Brocken meines eigenen verfallenden Körpers? Das sind doch alles höchst unrealistische Annahmen.

War es nicht vielmehr Thomas, die ferngesteuerte Emanation von Utes mabusischer manipulativer Geistesgewalt? Ein Untoter, der immer wieder neu entsteht, eine nicht kleinzukriegende Ausstülpung und Verwurschtelung in demjenigen Kontinuum, das wir Raumzeit nennen, um nicht von unseren kategorialen Formen der Anschauung Abstand nehmen zu müssen, wie es zwar erforderlich wäre, indes niemals wird gelingen können?